New Direction Festival 2011

New Direction Festival

Da habe ich mir ja was eingebrockt: Auf einem Hardcore-Punk-Festival zu kochen, wo doch eh nur Typen rumrennen, viel zu laute Musik gespielt wird, ich die Texte eh nicht verstehe und unser „leckeres, veganes, bio, nach Möglichkeit regionales und saisonales“ und zudem noch ausgewogenes Essen mit dem ich-will-gar-nicht-wissen-wievielten Bier wieder auskotzt wird. Mit großem Glück in das nächste Gebüsch und nicht mitten über die Festivalwiese.
Kurzum: So richtig gefreut habe ich mich im Vorhinein nicht. Wichtig war es mir trotzdem dort zu kochen. Ich finde es nämlich richtig und wichtig nichtkommerzielle Festivals zu unterstützen. Festivals, die in Selbstorganisation veranstaltet werden, in die politische, emanzipatorische Inhalte reingepackt und somit eine Freiraum geschaffen wird für (Sub-)Kultur und ein für viele angenehmes Feiern.

Über das Festival
Anders als bei anderen Festivals, die ich kenne, gab es neben den Infoständen zusätzlichen Input durch verschiedene Workshops und Vorträge, mit denen Überwachung, Männlichkeit und Mackertum, Veganismus und die Tierrechtsszene kritisch unter die Lupe genommen wurden. Zudem gab es eine Fahrt zur KZ Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen.
Mich persönlich gefreut hat, dass Männlichkeit und Mackertum an verschiedenen Stellen thematisiert wurde. Es gab ein klares Statement der Orgagruppe, dass sexistisches und anderes diskriminierendes und ekelhaftes Verhalten auf dem Festival nicht toleriert werden würde. Verdeutlicht wurde das nicht zuletzt durch „No means No!“-Plakate, die an verschiedenen Orten sichtbar aufgehängt wurden. Auch gegen Homophobie wurde sich ganz klar ausgesprochen.
Wie schwer es ist, diesen ganzen Scheiß aus den (unsrigen) Köpfen rauszubekommen merkte mensch dennoch. So kam ich manchmal nicht umhin nackte Männeroberkörper auf der Bühne zu sehen, wenn ich eine Band sehen wollte (ja, ich weiß, dass Hardcore schweißtreibend ist, ich weiß aber auch, dass Menschen mit Brüsten das Privileg „oben ohne abzugehen“ nicht haben, sondern „weibliche“ nackte Oberkörper sexualisiert werden und verdammt nochmal, das stört mich). Ganz überflüssig waren dann die zwei vermutlich besoffene Punkx, die sich morgens erst draußen auf der Straße und anschließend auf dem Festivalgelände sich nicht gegenseitig, sondern allen anderen ihre Schwanzpiercings zeigen wollten.
Kleines Highlight war für mich, als ich von einem Festivalteilnehmer angesprochen wurde und gemerkt habe, dass auch einige andere für Gender-Thematiken ein Bewusstsein haben. Empört erzählte der Mensch mir, dass ihm und seinen Freunden aufgefallen sei, dass beim Fußballturnier nur Männer kicken und in der Küche nur Frauen Gemüse schnippeln. Spontan lud ich ihn zum Karotten schneiden ein, was er leider grinsend ablehnte. „Beim nächsten Mal aber auf jeden Fall.“

Volxküche auf dem Festival
Auf Festivals zu kochen ist immer was besonderes.
Bei Camps, Kongressen, Aktionen und anderen linke Szene(n)-Geklüngeln wird Volxküche meist mehr als Teil des Ganzen verstanden – als Teil einer widerspenstigen Bewegung, was auch unser Anspruch ist. Bei Festivals hingegen wird die Küche häufig als Catering gesehen, als Ort, an dem mensch Geld dalässt und Essen bekommt.
Ganz besonders bemerkbar macht sich das bei der Frage der Finanzierung: Auf Camps kochen wir ohne Probleme gegen Spende und kommen dabei fast immer auf Null oder mit kleinem Plus raus. Bei einem Festival, auf das viele Menschen einfach nur zum konsumieren gehen, ist das anders. Das Geld ist begrenzt und muss reichen für Eintritt, Getränke, die eine CD oder den anderen Merchandise-Artikel und… ach ja… Essen. Dass das auch etwas gekostet hat, auch wenn es gegen Spende ist, wird spätestens nach dem vierten Bier gerne mal vergessen.
Unser Ansatz in diesem Jahr ist in sich sicher nicht schlüssig, stattdessen erklärungswürdig und dennoch kamen wir sehr gut damit klar und werden es wieder so (oder ähnlich) machen.

Solizweck
Ein beliebter Ansatz „politisch korrekt“ Geld zu verlangen ist der Solizweck. Es ist okay, wenn Leute einen Festbetrag nehmen und dazu sagen, dass der Cocktail Soli für Projekt X und der Kuchen Soli für Projekt Y ist. Solange Projekte nach wie vor Geld für Repressionen, Miete oder andere überflüssige Kosten ausgeben müssen, ist es unbedingt notwendig, dass die Finanzierung solidarisch von vielen Menschen getragen wird. Solidarität und druffe Personen oder andere, die nur möglichst billig konsumieren wollen passen meist aber nicht so zusammen, weshalb der Solibeitrag meist fest vorgegeben wird.
Uns hat das nicht gepasst, wir finden, dass Essen – ein Grundbedürfnis – nicht zu eng an einen festen Solibetrag gekoppelt werden soll. Unser Anspruch ist es, allen ein leckeres Essen auf dem Festival zu ermöglichen, unabhängig davon, ob sie gerade viel Geld haben oder ihr ganzes Geld für Bier ausgegeben haben.

Solikochen
Unser Konzept dieses Jahr war, gegen Spende zu kochen, aber einen Richtwert als Orientierung zu geben. Wir hatten zwei Soligruppen, die je einen Tag mit uns gemeinsam die Küche gerockt haben, an die auch das überschüssige Geld geht. Daran ist „neu“, dass die Leute sich aussuchen können, ob und wie viel Solibeitrag sie zahlen wollen. Ändern tut das jedoch nix daran, dass Festivals eine Veranstaltung bleiben, bei denen möglichst viel Geld in möglichst kurzer Zeit gemacht werden soll. Auch nicht daran, dass Leute wohl nicht so engagiert wären, sich bei einem Festival zu engagieren, gäbe es da nicht so viel Geld für ihre Projekte zu holen. Stinkt ganz schön nach Lohnarbeit. Wir greifen uns also an unsere eigene Nase und freuen uns über Feedback, Anregungen und ganz was anderes von euch.

Freiraumprojekte
Infos zu den beiden tollen Projekten, die gemeinsam mit uns gekocht haben gibt’s hier:
(LB)2 : Libertäre Gruppe aus Ludwigsburg die in allerlei Projekten und Kampagnen vernetzt arbeitet und derzeit ziemlichen Stress mit städtischen Auflagen für das DemoZ (Zentrum in Ludwigsburg) hat.
AZ Nürnberg: Seit mittlerweile 10 Jahren sucht der Verein „Alternative Kultur Nürnberg“ nach Räumen für politische und kulturelle Veranstaltungen, für Selbstorganisation und Selbstverwaltung – kurz Freiraum. Nachdem nun endlich ein „Objekt“ gefunden wurde, gab es ebenfalls (siehe oben) ziemlich stressige Auflagen von der Stadt, von denen sich die Gruppe jedoch nicht einschüchtern lässt. Unterstützen könnt ihr mit Solierklärungen, Sachspenden und natürlich, wichtiger denn je, mit Kohle.
Mit anderen veganen Leckereien für Solikohle versorgten das Festival zudem Leute vom Ladenprojekt Atari in Leipzig, der Projektwerkstatt Stuttgart und Aktivist_innen der Feldbesetzung in Teplingen.

Rückblick
Im Nachhinein kann ich sagen, dass viele meiner Befürchtungen fast umsonst waren. Nach wie vor ist Hardcore eine ganz schön männerlastige Angelegenheit (sowohl bei den Bandmitgliedern, als auch bei den Festivalbesucher_innen), Frauen und andere – sich nicht männlich definierende Menschen – haben es sicher nach wie vor nicht leicht, sich durchzusetzen. Dennoch habe ich mich damit ein bisschen anfreunden können, fand die Musik krachig, aber nicht zu laut und habe zumindest teilweise die Texte verstanden. Ich weiß zwar nicht, wie oft unser „leckeres, veganes, bio, nach Möglichkeit regionales und saisonales“ Essen tatsächlich auf direktem Wege in die Landschaft gekotzt wurde, aber ich werde nächstes Jahr sicherlich wieder kommen, mit oder ohne Maulwurf (aber sicherlich gerne mit). Und ich freue mich sogar darauf.


2 Antworten auf „New Direction Festival 2011“


  1. 1 gtz 13. Juli 2011 um 1:40 Uhr

    ueber die forderung, privilegien aus dem schlichten grund nich wahrzunehmen, weil sie anderen nicht verfuegbar sind, koennte man durchaus noch n paar worte verlieren.

  2. 2 Administrator 14. Juli 2011 um 0:50 Uhr

    Sicherlich auch mal spannend, wenn andere ein paar Worte darüber verlieren, nur zu…
    Ich fände es allerdings schade, wenn es allein dabei bleibt, dass auf Privilegien verzichtet wird und nicht versucht wird, diese abzubauen. Erster Schritt ist sicherlich Privilegien zu thematisieren und dafür zu sensibilisieren, also raus damit!

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